Das himmlische Vergnügen



Unsere Lebensreise – sagt die Bibel – geht in den Himmel. Warum sterben wir mit so viel Mühe und Angst, wenn das so ist? Warum fliegen wir lieber mit dem Zeppelin als auf den Armen der Engel? Warum verlangt mich eher nach dem Schokoladenkuchen als nach Panis Angelicus? Warum ist Wellness und Massage für den alten schmerzenden Körper besser als der Auferstehungsleib? Warum gefällt mir sogar das Altersheim besser als das himmlische Jerusalem? Warum unternehme ich alles für guten Sex und nichts für die himmlische Hochzeit?
Könnte es sein, dass ich mir den Himmel als ewiges Harfenspiel oder nicht aufhören wollenden Gottesdienst vorstelle oder als leibloses, geisterhaftes Huhu mit der längst verstorbenen Grossmutter? Dann doch lieber das prickelnde Badesalz für den echten Leib.

Was aber, wenn uns die Bibel eine echte Himmelsfaszination bietet, von der wir heute bloss wenig hören?

Spätestens seit meiner Pensionierung bereite ich mich durch Himmelsfaszinationen auf die grosse Reise vor. Wer meine Konfitüren kennt, weiss, dass meine Fantasie grenzenlos ist. Was ich in der angekündigten Predigt biete, sind Himmelsfantasien – ich war ja noch nie im Himmel -, aber es sind Fantasien, die sich durch die Bibel inspirieren lassen. Gleichzeitig behandle ich Fragen, die man mir als Seelsorger immer wieder stellt wie z.B.
Komme ich nach dem Tod sofort in den Himmel oder erst bei der
Auferstehung aller Menschen?
Kommt mein Hund in den Himmel?
Kommt mein Mann in die Hölle?
Gibt es im Himmel Sex?
Gibt es im Himmel Kreativität, Arbeit und Verantwortung?
Wo und was ist überhaupt der Himmel?

Texte: 1. Mose 1, Jes. 11: 5-9, Mt. 22:23-32, 1. Kor. 15, Phil. 1:23-24, Offbr. 21:1-5


Predigt

Junge Menschen wissen kaum mehr, dass es einmal so etwas wie eine DDR gab. Die ältere Generation wird es nie vergessen. Die Stadt Berlin war durch eine Mauer in zwei Teile getrennt. Wie sehr wünschten wir alle, dass diese Mauer fallen würde. Dass sie zu unseren Lebzeiten verschwinden würde, damit hat wohl niemand gerechnet - das war ein Traum. Aber der Traum ist wahr geworden.

Was haben wir heute für Träume, Träume, welche die Welt verändern? In den Kirchen hört man oft den Ruf: Friede, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung. Das ist sozusagen der grüne Traum der Christen: Menschen aller Völker und Rassen leben miteinander in Friede und Gerechtigkeit in einer Schöpfung, die nicht mehr vergewaltigt wird: reine Luft, herrliche Gletscher, Wälder, Felder; die Tiere sind unsere Brüder und Schwestern.

Ob wir da je erleben werden?
Die Bibel sagt, dass wir es erleben werden. Eine Neuschöpfung. Die Bibel nennt diese Schöpfung die Vereinigung von Himmel und Erde. Das, was Gott immer gewollt hat; das, was einmal schon war.
Im Anfang schuf Gott den Himmel und die Erde – und es war gut, sehr gut. (1. Mose 1)
Und einmal wird es wieder so sein. Siehe, ich mache alles neu. (Offbr. 21:5)
Gott hat es versprochen. Weil ER es versprochen hat, deshalb werden wir es erleben, selbst wenn wir sterben sollten.
Aber dann sind wir doch im Himmel?
Ja, wir werden im Himmel sein – hoffentlich. Aber was genau ist für die Bibel der Himmel? Wenn wir das verstehen, werden wir auch verstehen, warum wir Gerechtigkeit und Friede auf dieser Erde erleben werden. Was also ist in der Bibel der Himmel?

Jahrelanger Umgang mit der heiligen Schrift lässt mich erkennen, dass die Bibel vier Dinge Himmel nennt.

Erstens: Himmel ist in der Bibel die Wohnung Gottes. Dort, wo Gott ist, dort ist Himmel. Unser Vater im Himmel. Dem Himmel kann ich buchstäblich nicht entfliehen. Stiege ich hinauf in den Himmel, so bist du dort. Schlüge ich mein Lager in der Unterwelt auf – auch da bist du. Nähme ich Flügel der Morgenröte und liesse mich nieder zuäusserst am Meer, so würde auch dort deine Hand mich greifen und deine Rechte mich fassen. (Ps. 139:8-10) Himmel ist die Wohnung Gottes.

Zweitens: Himmel ist in der Bibel der Kosmos, das All, mit Galaxien, Planeten, Fixsternen. Im Anfang schuf Gott den Himmel und die Erde mit Sonne, Mond und Sternen. Eben, das All.
Himmel ist in der Bibel Wohnung Gottes und das All.

Drittens: Himmel in der Bibel ist unser provisorischer Wohnort nach unserem Tode, durchaus in der näheren Gegenwart Gottes, aber noch nicht am Ziel. Das Ziel ist die körperliche Auferstehung, die Auferstehung dieses Leibes. Aber es gibt ein Vor-Auferstehungsleben. Wenn wir heute sterben würden, würden wir an diesem Vorauferstehungsleben Teil haben. Jesus sagt zu einem der Mitgekreuzigten: Wahrlich, noch heute wirst du mit mir im Paradiese sein. (Lk. 23: 43)
Paulus hat dieses Heute-schon-im-Paradies einmal erlebt. In 2. Kor 12:2-4 spricht er in der Drittperson von einem Mann – doch er selber ist dieser Mann.
Ich weiss von einem Menschen in Christus, dass vor vierzehn Jahren – ob im Leibe weiss ich nicht, ob ausser dem Leibe weiss ich nicht, Gott weiss es – der Betreffende bis in den dritten Himmel entrückt wurde. Und ich weiss von dem betreffenden Menschen – ob im Leibe, ob ohne den Leib, weiss ich nicht, Gott weiss es – dass er in das Paradies entrückt wurde und unaussprechliche Worte hörte, die ein Mensch nicht aussprechen kann.
Dieses Paulus-Erlebnis ist ein himmlisches Vergnügen. Das Erlebnis hat in Paulus die tiefe Sehnsucht ausgelöst, jetzt schon in diesem provisorischen Himmel sein zu dürfen, nicht erst bei der leiblichen Auferstehung.
Ich werde von zwei Dingen hin und her gerissen, indem ich Lust habe abzuscheiden und bei Christus zu sein. Das wäre für mich besser, aber in diesem Leben zu bleiben, ist nötiger um euretwillen. (Phil. 1:23)

Viertens: der endgültige Himmel. Du und ich, wir werden sterben und auferstehen. Aber nicht nur du und ich werden sterben und auferstehen - das All wird sterben und auferstehen, die Welt wird sterben und auferstehen. Eine neue Erde, ein neuer Kosmos wird da sein. Und er wird die Wohnung Gottes sein.
Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde sind verschwunden. Und ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott her aus dem Himmel herabkommen, gerüstet wie eine Braut, die für ihren Mann geschmückt ist. Und ich hörte eine laute Stimme vom Throne her sagen: Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen; und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden mein Volk sein, und Gott selbst wird bei ihnen sein. Und er wird alle Tränen abwischen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, und kein Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen. (Offbr. 21:1-4)

Du und ich, wir werden im Himmel - im endgültigen Himmel - Neugeschaffene sein, neu, anders – und doch dieselben, mit Erinnerung, mit unserer Lebensgeschichte. Wenn nicht ich auferstehe, sondern ein Gedächtnisloser, der nicht ich ist, dann wäre ich von Christus nicht erlöst worden. Wenn die Welt und das All stirbt, und nur noch ein rein geistiger Himmel da ist, dann wäre die Welt am Kreuz nicht erlöst worden. Ein materieller Leib braucht einen materiellen Himmel, aber ebenso braucht ein materieller Himmel materielle Leiber, Menschen, die Leib und Geist sind.

Wenn Maria Magdalena und die Jüngerinnen am Ostermorgen Christus bloss geistig gesehen hätte, dann hätten sie nicht gezweifelt. Visionen, das gibt es, das kommt vor. Aber die Begegnung war materiell, körperlich. Das konnten sie unmöglich einfach so glauben. Darum sagten sie vom Auferstandenen: "Das ist der Gärtner.“ Wenn die Frauen den Jüngern von einer Vision erzählt hätten, dann würden auch die Jünger nicht gezweifelt haben, aber die Frauen behaupteten, Christus materiell gesehen zu haben. Darum sagten die Jünger: „Ach, das sind Frauenmärchen.“ Weil dann auch die Jünger dem Thomas von einer materiellen Begegnung berichtet hatten, sagte dieser: „Ich glaube es erst, wenn ich meine Finger in seine Wundmale, legen kann.“ Die Frauen glaubten es nicht, die Jünger glaubten es nicht, Thomas glaubte es nicht. Und weil auch wir es nicht glauben, sagen wir: „Die Auferstehungsberichte sind Bilder. Jesus ist in unserem Glauben auferstanden.“ Wenn ER aber nicht materiell auferstanden ist, dann werden auch wir nicht materiell auferstehen, und auch die Welt und das All werden nicht materiell auferstehen. Ohne materielle Auferstehung aber ist ewiges Leben ein leibloses Herumgeflatter, Harfen Spielen auf dem Wölklein. Wen erstaunt es, dass niemand sterben will.

Wenn aber der endgültige Himmel ein geistig-materielles Leben in einer auferstandenen Welt und einem auferstandenem All ist, dann bin ich in einem faszinierenden kreativen Prozess drin, der seit der Auferstehung von Christus läuft und der Vollendung entgegen geht. Zu meiner persönlichen Kreativität gehört bekanntlich das Fantasieren. Was ich im zweiten Teil dieser Predigt sage, ist meine Fantasie; Fantasie, die aus der Bibel lebt, aber eben doch meine Fantasie ist. Sollte es dereinst nicht so sein – weil die Fantasie mit mir durchgeht – so kann die Wirklichkeit nur besser sein; denn Gottes Fantasie ist grösser als die meine.

Mit meiner Fantasie beantworte ich nun einige Fragen, die man immer wieder stellt, manchmal fast verschämt, aber es sind echte Fragen:

Kommt mein Hund in den Himmel? Meine Katze? Mein Mehrsäuli?
Wenn die Welt und das All aufersteht, dann werden auch ausgestorbene Tiere und Pflanzen auferstehen - sagt meine Fantasie. Ich freue mich jetzt schon darauf, Dinosaurier streicheln zu dürfen. Die Bibel sagt, dass Löwe, Wolf und Lamm sich befreunden werden. Warum also nicht die Dinosaurier? Aber wenn schon die Dinosaurier, dann auch der Hund, die Katze, das Mehrsäuli und der Kanarienvogel.

Kommt mein Mann in die Hölle? Wenn der Name deines Mannes Adolf Hitler war, dann ist er hoffentlich tatsächlich in der Hölle. Aber sonst, sagt Paulus, dass diejenigen, die zu uns gehören, durch uns geheiligt sind. Mozart war kein gläubiger Mensch, doch einen Himmel ohne Mozart will ich mir gar nicht vorstellen. John Newton, Sklavenbefreier und Verfasser des Liedes Amazing Grace sagt: „Im Himmel werde ich über drei Wunder staunen. Das erste Wunder, ich werde dort viele sehen, die ich im Himmel nie erwartet hätte. Das zweite Wunder, ich werde dort viele nicht sehen, die ich eigentlich erwartet hätte. Und das dritte und grösste Wunder, ich selber werde dort sein.“

Gibt es im Himmel Sex? Leute, die nicht an die materielle Auferstehung glauben, wollten Jesus eine Falle stellen. Sie erzähltem ihm die Geschichte von den sieben Brüdern: der älteste war verheiratet und starb; dann nahm der zweite die Frau, auch er starb, dann der dritte usw. Wessen Gattin wird die Frau in der Auferstehung sein? Im Himmel wird nicht geheiratet, sagt Jesus.
Den gewöhnlichen schönen Sex wird es also nicht mehr geben. Dafür aber einen viel besseren, noch schöneren, aber so ganz anders, dass er selbst meine grosse Fantasie übersteigt, nicht ein Ich-Du-Sex, sondern eine Wir-ER-Zärtlichkeit und –Innigkeit und Intimität. Jesus ist der Bräutigam, wir die Braut. Das ist faszinierende Himmelserotik. – Wenn das nicht ein Himmelsvergnügen ist!

Werden wir im Himmel reisen? Nach meiner Fantasie durchaus. Mit neuen umweltliebevollen Technologien, um ein mehrfaches schneller als die Lichtgeschwindigkeit. Paulus sagt, dass wir mit Gott zusammen das All regieren und pflegen werden. Auf uns wartet Arbeit und Verantwortung. Vielleicht Verantwortung über einen andern Planeten.

Ich weiss, das sind meine Fantasien. Wenn ich über etwas fantasiere, wird es zum Vergnügen. Gibt es bekannte Persönlichkeiten, die sich ähnlichen Himmelsfantasien hingeben? Und ist das nicht eine Flucht vor unserer Wirklichkeit? Können solche Fantasten die jetzige Welt verändern?

Kennen Sie Helen Keller? Helen Keller war von Geburt an blind und taub. Sie sah nichts und hörte nichts. Helen Keller hat Bücher geschrieben, welche die Welt veränderten. Sie beeinflusste die amerikanische Politik, sie war Frauenrechtlerin, Pazifistin und Verteidigerin der Geburtenkontrolle. Helen Keller sagt: „Jeden Tag danke ich Gott für drei Dinge: Dank, dass er mir Kenntnis geschenkt hat von seinem göttlichen Planen und Wirken. Innigen Dank, dass er in meiner Dunkelheit das Licht des Glaubens angezündet hat. Und herzallerinnigsten Dank, dass auf mich ein anderes Leben wartet – ein Leben in jubelndem Staunen über Licht, Blumen und himmlischer Musik.“
Ist Helen Keller vor der Wirklichkeit davon gerannt? Ist John Newton, der Sklavenbefreier, vor der Wirklichkeit geflohen?

Mit dem himmlischen Vergnügen können wir sterben – getrost sterben, selig sterben, vergnügt sterben. Mit dem himmlischen Vergnügen können wir aber auch leben – vergnügt leben - selbst dann, wenn das Leben uns schüttelt. Mit dem himmlischen Vergnügen können wir die Welt von der Zukunft her verändern – vergnügt verändern. Amen.

Marcel Dietler  



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